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XIII. Tag der Medienethik - abschreckender Titel, spannende Veranstaltung

Im Nachgang zum PrismCamp überlegen wir ja gerade, wie man "unser" Thema, also die Überwachung durch die NSA und andere Geheimdienste, mehr in die Öffentlichkeit bringen könnte. Denn auch wenn, dank Edward Snowden, nun wirklich jeder weiß, dass wir fortgesetzt und anlasslos überwacht werden, hört man doch recht wenige Unmutsäußerungen aus der breiten Masse der Bevölkerung. Und ohne Druck "von unten" hat es eben auch die Politik nicht wirklich eilig, dagegen anzugehen (zumal die Überwacher ja offiziell unsere "Freunde" sind).

Eine Idee, die wir diskutieren, läuft unter dem Arbeitstitel "Guter Vortrag am Abend": Der Normalbürger wird nicht zu einer Veranstaltung wie dem PrismCamp kommen. Aber vielleicht kann man ihn animieren, nach der Arbeit noch zu einem kurzen, knackigen Vortrag zu kommen, so dass er noch etwas zum Nachdenken mit nach Hause nehmen kann.

Interessanterweise finden schon eine ganze Menge Veranstaltungen in dieser Richtung statt. Nur leider bekommt man - selbst als Interessierter - das selten mit. Oder wenn, dann tragen die Veranstaltungen abschreckende Namen, wie eben der "XIII. Tag der Medienethik", der am Mittwoch Abend an der Hochschule der Medien (HdM) stattfand. Einher ging die zweistündige Veranstaltung mit der Verleihung des Medienethik-Awards META, sowie Vorträgen und einer Podiumsdiskussion. Spätestens jetzt wird der o.g. Normalbürger die Lust verloren haben, sich weiter mit dieser Veranstaltung zu beschäftigen. Dabei stellte sie sich als unerwartet spannend und "insightful" heraus.

Die Veranstaltung

Zugegeben, der Anfang war etwas steif: Begrüßung durch den Rektor der HdM, Einführung durch die Leiterin des Instituts für Digitale Ethik, Ankündigung der Eröffnungsrede. Alles am Rednerpult, z.T. vom Blatt abgelesen.

Die erste positive Überraschung kam in Person von Prof. Dr. Alexander Filipović von der Hochschule für Philosphie München. Er brauchte etwas, um in Schwung zu kommen, lieferte dann aber wohlüberlegte Gedanken zum Thema. Er war auch der erste von mehreren Rednern, der auf die übliche Ausrede "Ich habe doch nichts zu verbergen" einging. Neben den offensichtlichen Gegenargumenten (Ach wirklich? Sexuelle Vorlieben? Jugendsünden?) brachte er auch das Argument, dass "Ich habe doch nichts zu verbergen" egozentrisch ist, da es voraussetzt, dass das für andere Menschen auch gilt. Aber in einer freien Gesellschaft muss der Einzelne auch das Recht haben, etwas zu verbergen. Denn meist geschieht das ja aus guten Gründen.

Als nächstes stand die Verleihung der Medienethikpreises an. Eine Gruppe von 25 Studenten hatte sich in den zurückliegenden zwei Semestern damit beschäftigt, für die Kategorien Blogs, Zeitungen und Fernsehen Publikationen auszuwählen und vor allem auch damit, einen Bewertungskatalog zu erstellen. Das alles geschah selbstorganisiert, d.h. vor allem auch, dass die Preisträger von den Studenten selbst ausgewählt und anhand ihrer selbst erstellten Kriterien bewertet wurden (und nicht, wie so oft bei ähnlichen Preisen, vorgeschlagen oder von einer Jury bewertet wurden). Mehrere der Preisträger hoben das dann auch lobend hervor.

Die Liste der Preisträger:

Für etwas Auflockerung, doch durchaus mit Tiefgang, sorgte der Beitrag von Slam-Poetin Svenja Gräfen, der zum Nachdenken über unser Kommunikationsverhalten anregte.

Der Vortrag von Marco Maas über "Algorithmen im Journalismus" war zum Einen ein Beispiel für mangelnde Vorbereitung. Nicht nur, dass er gelegentlich zu seinem (zugegeben ungünstig stehenden) Laptop gehen und seinen nächsten Punkt nachsehen musste. Vor allem aber hat er hoffnungslos überzogen - was als 15-Minuten-Vortrag angekündigt war (sogar im Untertitel) dauerte über 25 Minuten. Sowas geht eigentlich gar nicht, aber das ist ein Thema für mein anderes Blog.

Inhaltlich war der Vortrag aber sehr gut, mit einem Abriss was im Journalismus schon geht und noch kommt. Der Schwerpunkt lag auf dem "Datenjournalismus". Hier sieht er auch noch Nachholbedarf bei den Kollegen - die Daten sind oft leicht auffindbar, aber an der Expertise (und manchmal dem Willen), daraus sinnvolle Schlüsse zu ziehen, mangelt es noch etwas.

Sehr schön waren jedenfalls die gezeigten Visualisierungen, von dem schon bekannten Fall des Grünenpolitikers Malte Spitz, der seine Vorratsdaten eingeklagt und online gestellt hat, über einen ähnlichen Fall aus der Schweiz bis hin zur Visualisierung der unglücklichen Aussage unseres Bundespräsidenten, dass die Stasi doch viel schlimmer als die NSA gewesen sei, da sie ja die "Gesprächsinhalte alle aufgeschrieben und schön abgeheftet" hätte (unbedingt auf "Rauszoomen starten" klicken!).

Die anschließende Podiumsdiskussion kann ich schlecht zusammenfassen, brachte aber auch noch interessante Einblicke mit sich (ganz entgegen den Plattitüden, die man ja oft in Podiumsdiskussionen ertragen muss).

Zusammenfassend also ein überraschend informativer und spannender Abend mit nur wenigen Durchhängern.

Die Vorträge wurden aufgezeichnet und werden hoffentlich demnächst irgendwo verfügbar gemacht (zumindest würde ich mir das wünschen - explizit angekündigt wurde es nicht).

Andere Veranstaltungen und abschließende Gedanken

Fast zeitgleich fand in der Stadtbibliothek eine Veranstaltung des CCCS zum Thema Cloud-Dienste statt. Wobei man davon ausgehen darf, dass diese sich eben auch kritisch mit dem Thema auseinander gesetzt und auf die Risiken, gerade im Zeitalter der Überwachung, hingewiesen hat.

Und heute lese ich in der Zeitung von einer Podiumsdiskussion über die digitale Überwachungsgesellschaft, die bereits am Dienstag von der Macromedia-Hochschule im Cinemaxx veranstaltet wurde und von der ich vorher nichts gesehen oder gelesen hatte.

Es gibt sie also, die Veranstaltungen und Vorträge zum Thema. Und vor allem gibt es auch die Menschen, die sich Gedanken über das Thema und seine Auswirkungen auf die Gesellschaft machen (also nicht nur über technische Gegenmaßnahmen nachdenken).

Stellt sich nur noch die Frage, wie man "die breite Masse" und diese Experten zusammenbringen kann. Jedenfalls nicht, wenn sich die Veranstaltungen hinter abschreckenden Titeln (Medienethik, Podiumsdiskussion) oder im Techie-Umfeld (CCCS) verstecken.

Und hier sehe ich uns gefordert. Als erstes brauchen wir, denke ich, einen besseren Namen oder so etwas wie ein griffiges Motto. Die Vorsilbe "Prism" sagt vielen schon nichts (mehr) und erklärt so eben auch nicht, um was es eigentlich geht. Da wartet noch viel Arbeit auf uns, wenn auch auf einer anderen Ebene als ursprünglich gedacht.

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