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EnjoyWorkCamp Stuttgart #EWC14S

Eigentlich witzig, zu einer Veranstaltung zu gehen, die "Enjoy Work" im Titel hat, wo ich doch meine bisherige Arbeit ganz offensichtlich nicht mehr genieße: Am Tag vor dem EnjoyWorkCamp hatte ich bei meinem bisherigen Arbeitgeber gekündigt. Andererseits geht es aber auch genau darum - und die Aussage liest man ja in diversen Variationen immer wieder -, dass Arbeit eben auch Spaß machen muss. Wirtschaftlich harte Zeiten hin oder her, wenn ich nicht wenigstens hin und wieder etwas Freude an meiner Arbeit habe, werde ich keinen guten Job darin machen. Geld ist eben nicht alles.

Das EnjoyWorkCamp ist ein Ableger des LifeWorkCamp, das ich ja letztes Jahr als teilweise etwas esoterisch abgehakt hatte. Insofern hatte ich eigentlich auch gar nicht vor, da hin zu gehen. Erst eine zufällige Begegnung mit Franziska bei einem der letzten Webmontage brachte mich auf den Gedanken, dass es vielleicht - gerade in meiner Situation - doch sinnvoll sein könnte, teilzunehmen.

Von der Organisation her ist das EnjoyWorkCamp ein Barcamp, also eine sich selbst organisierende Konferenz ("Unkonferenz" ist so ein Unwort), bei dem die Teilnehmer (sprachliche Klimmzüge wie "Teilgeber" mache ich jetzt aber nicht mit, sorry) sich und ihre Themen einbringen, indem sie Sessions vorschlagen und das Programm erst vor Ort, mehr oder weniger spontan, entsteht.

Da es ein Oberthema gab, war die Themenvielfalt nicht so ausufernd wie bei einem "reinen" Barcamp, was ich aber als wohltuend empfand. Neben ein paar bewusst spekulativ oder philosophisch angelegten Sessions gab es hauptsächlich solche mit handfesten Inhalten, Tipps und Erfahrungsaustausch. Ich habe vor allem vom ersten Tag viel mitgenommen. Der zweite Tag hatte weniger Sessions zu bieten, die mich ansprachen, was aber vor allem mit meiner speziellen Situation zu tun hatte.

Das Barcamp-Format lädt ausdrücklich zum Mitmachen ein, auch wenn man vielleicht nur eine Frage hat, die man diskutieren will. Ich hatte denn auch zwei unausgegorene Gedanken mitgebracht und diese als Sessions angeboten.

Session: Sharing vs. Geld verdienen

Meine Session am Freitag hatte ich überschrieben mit "Sharing vs. Geld verdienen?" Mit meinem Hintergrund in der Open Source-Szene finde ich es ganz normal, meine Arbeit - Software, Fotos, Texte - möglichst offen anzubieten, so dass andere darauf aufbauen und etwas Neues schaffen können. Wie ich mich ja auch ständig bei anderen - sofern unter offenen Lizenzen verfügbar - bediene. Solange ich das alles nur als Hobby betreibe und nebenher einen "richtigen" Job habe, ist das ja alles schön und gut. Wie lässt sich dieses Modell aber mit der Notwendigkeit verbinden, damit auch Geld zu verdienen?

In der Diskussion wurde recht schnell klar, dass das sehr wohl funktionieren kann. Selbst wenn etwa der komplette Inhalt eines Buchs online steht, gibt es immer noch eine Menge Menschen, die das Buch kaufen. Zudem sorgt der frei verfügbare Content (noch so ein Unwort) auch zu einer höheren Sichtbarkeit. Und wenn man dadurch als Experte zu einem Thema wahrgenommen wird und sich auch als Dienstleister auf dem Gebiet anbietet, dann führt das auch zu Aufträgen. Es ist eben immer noch ein Unterschied, ob ich Zugriff auf das Wissen in zwar gebündelter, aber eben doch theoretischer Form (Website oder Buch) habe oder ob ich denjenigen anheuern kann (Experte), der oder die all diese Erkenntnisse parat hat und situationsspezifisch auch anwenden kann.

Natürlich kann das alles nur Teil einer Gesamtstrategie sein. Man muss immer noch Kundenakquise betreiben und sich nach anderen Einnahmequellen umsehen. Aber, und darum ging es mir vor allem, es schadet eben nicht, das eigene Wissen und die Erfahrungen großzügig zu teilen - eher im Gegenteil.

Session: Stop Brainstorming

Noch etwas unausgegorener war die Session, die ich am Samstag noch spontan angeboten hatte. Beim Creativity World Forum hatte Debra Kaye in ihrem Vortrag mit einer Folie viel Aufsehen erregt, die groß verkündete: Stop Brainstorming. Witzigerweise habe ich ein paar Tage später in einem Buch etwas zur Geschichte des Brainstorming gelesen: Als Methode in den 1950ern erfunden, gab es schon 1963 die erste Studie, die zeigte, dass es - so wie es betrieben wird - nicht funktioniert. Und trotzdem wird es 50(!) Jahre später immer noch als Wunderwaffe angesehen und auch eingesetzt.

In der Session mit kleiner Besetzung (zu dritt) haben wir versucht zu beleuchten, warum das so ist und was man ggfs. anders machen könnte. Ein wichtiger Punkt: Manchmal ist ein Brainstorming gar nicht der beste nächste Schritt, sondern es wäre sinnvoller, einen Prototypen zu bauen oder überhaupt einfach mal etwas zu experimentieren. Gerade für Unternehmen dürfte aber die Attraktivität in der romantisierten Vorstellung von Brainstorming liegen: Wir bringen alle Experten für eine Stunde zusammen, lassen sie "brainstormen" und am Ende der Stunde haben wir eine tolle Idee, mit der dann alles besser wird. Dass Kreativität aber eben nicht auf Abruf funktioniert (übrigens das Hauptargument von Debra Kaye hinter ihrer provokativen Folie) wird dabei nicht gesehen. In der Praxis kommt aber bei solchen Brainstorming-Sessions meist noch eine wenigstens brauchbare Idee heraus, so dass der Prozess als Erfolg gesehen und eben weiter eingesetzt wird. Für diese Art von Sessions haben wir wenigstens noch ein paar Tipps herausgearbeitet, etwa das Aufbrechen von Hierarchien.

Und sonst?

Andere Sessions an denen ich teilgenommen und aus denen ich viel mitgenommen habe: In Jan Theofels Session über Barcamps habe ich mir noch ein paar Tipps geholt, da ich ja in die Organisation von Events mit Barcamp-Anteilen wie PrismCamp/No-Spy-Konferenz und Cowork2015 involviert bin. In der Session von Gebhard Borck über Wertverträge, d.h. den Wert der eigenen (Dienst-)Leistung, habe ich viel gelernt. Spannend war auch die Session von Harald Amelung über das, was wir als Unternehmer, Dienstleister und auch Arbeitnehmer uns von unserer Stadt wünschen würden - von der Infrastruktur bis zu Rahmenbedingungen.

Neben den Sessions gab es auch viel Zeit für Gespräche - etwas, mit dem ich ja immer so meine Probleme habe. Danke an alle, die mich einfach angesprochen haben.

Zur Organisation kann man nur sagen: Erste Klasse, besser geht schon fast nicht mehr. Das Catering etwa war nicht nur schmackhaft sondern durch eine ständig anwesende Person auch die ganze Zeit über betreut, so dass sich eben auch nicht der etwas "gerupfte" Anschein wie bei anderen Veranstaltungen einstellte. Auch viele andere Kleinigkeiten, die ich jetzt gar nicht mehr alle aufzählen könnte, sorgten dafür, dass alles rund lief und man sich gut informiert und betreut fühlte.

Dass es - bei aller Selbstorganisation - auch mal nötig ist, die Teilnehmer zu etwas zu motivieren, zeigte sich im Vergleich von Freitag und Samstag: Am Freitag gab es einen fest eingeplanten Walk To Talk, den dann auch fast alle mitgegangen sind. Am Samstag war dieser optional - und fand dann auch gar nicht statt.

Insgesamt also zwei lohnende Tage, von denen ich viel mitgenommen habe. Gut finde ich übrigens auch die Idee, das EnjoyWorkCamp auf Freitag/Samstag anzusetzen, denn so hat man den Sonntag zum Durchschnaufen, Reflektieren, Aufholen der liegen gebliebenen Dinge - und der Schock des grauen Alltags am Montag wird noch etwas abgefedert.

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