Musik

Nachtrag: Vapors of Morphine in Brüssel

(Das Konzert fand bereits am Mittwoch statt, aber ich komme erst jetzt dazu, es angemessen zu verbloggen.)

Die Band Morphine, das muss ich immer wieder feststellen, ist auch ausgesprochenen Musikliebhabern hierzulande kaum bekannt (Shoutout to Sally for knowing them). Daher scheint eine kurze Vorstellung angebracht:

Morphine waren eine Band aus Boston, die in den 90ern unter Kennern mit ihrem Musikstil einigen Aufruhr verursachten. Die Band selbst bezeichnete es als "Low Rock" und das Besondere war die Instrumentierung des Trios: Schlagzeug, Saxophon, Bass. Keine Gitarren, keine Keyboards. Erwähnen sollte man noch, dass der Bass, gespielt von Frontmann Mark Sandman, kein gewöhnlicher Bass mit vier Saiten war, sondern Mark hatte nur zwei Saiten aufgezogen und spielte ihn als "Sliding Bass", wie man es sonst nur von Gitarren kennt. Zusammen mit einem Bariton-Saxophon ergab sich so ein gänzlich neuer Sound.

Was man auch wissen muss ist, dass die Band ein plötzliches Ende fand, als Mark Sandman bei einem Auftritt in Italien 1999 auf der Bühne einen Herzinfarkt erlitt und starb.

Vapors of Morphine Seither gab es von den Restmitgliedern immer mal wieder Anläufe, sich neu zu formieren. Mit einer Sängerin (Laurie Sargent) und unter dem Namen Twinemen entstanden einige wirklich gute Songs. Es gab auch ein Orchestra Morphine, über das ich aber nicht viel weiß. Die neueste Inkarnation hat nun unter dem Namen Vapors of Morphine ein Album aufgenommen, das zur Hälfte aus neu eingespielten Morphine-Songs und zur Hälfte aus neuem Material besteht. Bei letzterem weicht man dann auch mal von der alten Instrumentierung ab. Der neue Sänger Jeremy Lyons spielt zwar auch den 2-string sliding bass, aber auch E-Gitarre.

Dieses Trio (mit Dana Colley am Saxophon und Jerome Deupree am Schlagzeug) war nun auf einer kurzen Europatournee, die sie aber nur nach Italien, in die Niederlande und nach Belgien führte. Deutschland hat man links liegen gelassen und so bin ich eben nach Brüssel gefahren, um die Band zu sehen.

Ein paar Tage vor dem Konzert kam dann noch eine E-Mail von der Location, dass der Auftritt in einen kleineren Raum verlegt worden wäre. Die Zugkraft des Namens Morphine hält sich also wohl auch in Belgien in Grenzen. Und so fanden wir uns in einem runden Raum wieder - einem der Türme der Botanique, einem ehemaligen botanischen Garten in Brüssel. Das schaffte so dann eine intime Atmosphäre für die Band und die vielleicht 200 Zuschauer.

Statt einer Vorband gab es einen Film: Die Dokumentation "Cure for Pain - The Mark Sandman Story" erzählt in Interviews und Rückblicken ansonsten unkommentiert die Geschichte von Mark Sandman, seiner Familie und natürlich der Band Morphine, bis hin zu ihrem plötzlichen Ende. Es kamen einige Details zur Sprache, die ich bisher nicht kannte, die sich aber wie Puzzlesteine einfügten. Die "Twinemen" etwa, nach denen sich die Nachfolgeband benannt hatte, sind Comicfiguren, die Mark Sandman geschaffen hat. Und als wäre der Tod auf der Bühne nicht schon traurig genug, erfährt man in dem Film, dass Mark zwei jüngere Brüder hatte, die beide innerhalb von 16 Monaten (einige Jahre vor ihm) starben. Von den vier Geschwistern lebt nur seine Schwester noch. Da bekommen Zeilen aus Mark's Songs, wie etwa "Bye bye Johnny, see you all too soon", eine ganz neue Dimension (Johnny war einer seiner Brüder).

Vapors of Morphine Nach diesem zwangsläufig traurigen Auftakt kam nach kurzer Umbaupause dann die Band auf die Bühne und legte gleich mit einigen Morphine-Klassikern los. Das klang alles genau so, wie man es erwartet hätte. Jeremy Lyons versucht allerdings gar nicht erst, Mark nachzuahmen, was ihm auch niemand übel nehmen kann. Was soll ich sonst groß schreiben? Der Sound war gut, die Stimmung ebenso und die Band spielte fast alle Morphine-Standards, aber natürlich auch ein paar der neuen Songs. Was sie nicht spielten, war "Super Sex" - was verständlich ist, denn das war der Song, bei dem Mark Sandman starb. "Test Tube Baby/Shoot 'Em Down" hätte ich mir vielleicht noch gewünscht.

Nach den geplanten Zugaben gab es, als ich schon gar nicht mehr damit rechnete, dass die Band noch einmal zurückkommen würde, noch zwei Zu-Zugaben. Mit "Have A Lucky Day" wurden wir dann nach fast zwei Stunden nach Hause geschickt.

Fazit: Tolles Konzert, das die Reise auf jeden Fall wert war.

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Empfangen am Dienstag, 03. Januar 2017, 11:02 Uhr

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