Musik

Mal wieder gehört und gesehen: Portishead - Roseland NYC Live

Wenn ich nach meinen Lieblings-CDs gefragt würde, kämen mit wahrscheinlich alle möglichen in den Sinn, aber diese irgendwie nicht. Und doch fasziniert sie mich jedes Mal wieder, wenn der Shuffle meines iPods einen Song davon hervorkramt.

Die CD ist eigentlich eine Mogelpackung - zwei der 11 Stücke sind gar nicht in NYC aufgenommen worden, sondern stammen von zwei anderen Auftritten. Die DVD dagegen hat 16 Stücke, aber auch eine stark abweichende Reihenfolge. So ist Mysterons der vierte Titel auf der CD, aber erst der zehnte auf der DVD. Im Mittelteil wechselt die DVD dann auch zunehmend vom reinen Konzertmitschnitt hin zu ihrem eigenen Making-Of. Der Mitschnitt von Undenied etwa stammt offenbar aus den Proben und nicht vom eigentlichen Auftritt.

Ich habe im Web keine vernünftige Erklärung für diese Brüche gefunden, nur Verwunderung in diversen Rezensionen. Ich habe aber eine Theorie, die sich darauf stützt, dass sich Beth Gibbons im CD-Booklet bei ihren Bandkollegen bedankt for remaining when I was failing on stage. An einer Stelle auf der DVD bekennt sie zudem, dass sie nervous like shit sei. Meine Vermutung ist, dass an diesem Abend wohl nicht alles nach Plan lief. Ob die gute Beth zeitweise nur ihren Text vergessen hat oder etwas ganz anderes passiert ist - who knows. Die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1997, also noch aus dem Vor-WWW-Zeitalter, daher findet man eben auch keine Blogeinträge oder ähnliches von Zuschauern, die tatsächlich bei dem Konzert waren. Mich würde jedenfalls sehr interessieren, was an diesem Abend wirklich passiert ist.

Ein Gutes hat die Sache: Wir kommen so - wenn auch nur auf der CD - in den Genuss einer radikal anderen Version von Sour Times. Das Ende dort hat es in sich: Beth Gibbons klingt derart verzweifelt-aggressiv, dass man sie am liebsten tröstend in den Arm nehmen würde - nachdem man sich vorsichtig versichert hat, dass sie diesen Versuch nicht mit Kratzen und Beißen quittieren würde (Das klingt komisch? Hör Dir den Song an). Wer bei diesem Song keine Gänsehaut bekommt, sollte seinen Gemütszustand mal genauer erforschen.

Die Musik von Portishead ist natürlich nicht jedermanns Sache. Aber das Setup hat seinen Reiz - da sitzt ein Orchester (zu vollem Effekt eingesetzt etwa bei All Mine und Strangers) neben einem scratchenden DJ (siehe bzw. höre etwa bei Mysterons) und das alles live, vor Publikum. Im Mittelpunkt steht aber natürlich Beth Gibbons. Und die meiste Zeit, ich sage mal bei den "überlieferten" Stücken, ist sie auch wirklich gut bei Stimme. Mal klingt sie verletzlich/zerbrechlich (All Mine), an anderer Stelle muss ich eher an einen Industrielaser denken (Cowboys) - eine Stimme, die Stahl schneiden könnte. Hier und da kommt sie aber auch an ihre Grenzen, etwa bei den hohen Tönen in Undenied.

Egal. Man muss diese Art Musik nicht mögen, aber man muss doch anerkennen, dass Portishead hier ein mutiges Crossover gelungen ist. Dieser Mitschnitt ist ein Monument. Bei all seinen Schwächen (oder gerade mit diesen Schwächen) dokumentiert er eine Band auf dem Höhepunkt ihres kreativen Schaffens (und wohl auch Erfolgs).

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Andere haben folgendes über 'Mal wieder gehört und gesehen: Portishead - Roseland NYC Live' geschrieben:

Vergessenes Album des Monats: Ruby - Short-Staffed at the Gene Pool - Dirks Hirnableiter
[...] gehört, tagelang nicht mehr aus dem Gehörgang bekommt. Darf Trip Hop eigentlich Spaß machen? Denkt man an Beth Gibbons & Co. scheint das ja ein Unding zu sein. Aber dieses Album hier macht nicht nur Spaß beim Hören, sondern man hört auch [...] [mehr]
Empfangen am Freitag, 02. Februar 2018, 09:41 Uhr

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