Musik

Kraftwerk in der Liederhalle

Näher an ein 'richtiges' Kraftwerk-Konzert komme ich in diesem Leben wahrscheinlich ohnehin nicht mehr schrieb ich im Januar 2014 nach dem Auftritt von Karl Bartos in den Wagenhallen. Da konnte ich ja noch nicht ahnen, dass Kraftwerk im November 2015 nicht nur ein sondern gleich zwei Konzerte in der Liederhalle geben würden. Für das zweite konnte ich noch eine Karte ergattern.

Während Karl Bartos letztes Jahr auch neue Musik im Gepäck hatte, liegt das letzte Kraftwerk-Album aber schon mehr als 10 Jahre zurück und es gibt keine Anzeichen, dass man dem Oeuvre ein weiteres hinzufügen wollte. "Man", also Kraftwerk, ist aber ohnehin nur noch ein Viertel der Originalbesetzung, nämlich Ralf Hütter. Die anderen drei Positionen sind zwar wieder aufgefüllt worden, aber die Namen wüsste jetzt ohne nachzuschlagen auch niemand. Die Statistenrollen werden auch noch einmal deutlich, als die Band die Bühne betritt: Nur Ralf Hütter hat ein Mikrofon.

(no caption required) Was den Bühnenaufbau angeht, ist das von allen Konzerten, bei denen ich jemals war, wohl mit Abstand das statischste: Die vier Musiker stehen den ganzen Abend über hinter ihren Keyboards, die sich in identischen Kästen ohne Aufschrift oder sichtbaren Kabeln verstecken. Zwar bleiben sie nicht ganz roboterhaft-steif, aber viel Bewegung gibt es nicht - ein wippender Fuss ist da schon das höchste der Gefühle.

Aber dafür gibt es ja eine 3D-Lightshow, für die wir am Eingang 3D-Pappbrillen ausgehändigt bekommen haben. Den Anfang machen die Stücke "Nummern" und "Computerwelt" (mit denen übrigens auch Karl Bartos sein Konzert began) und den Zuschauern fliegen die Zahlen dann auch gleich um die Ohren. Den nächsten bemerkenswerten Effekt gibt es bei "Spacelab", als zuerst die Raumstation und dann ein UFO ins Publikum fliegen. Schön auch die Anpassung an den Ort des Konzerts: Das Publikum freut sich schon, dass auf einer Europakarte Stuttgart per Google-Maps-Anzeiger hervorgehoben ist, als in der nächsten Einstellung dann sogar die Liederhalle zu sehen ist und das o.g. UFO davor landet. Nett.

Danach machen sich die 3D-Effekte aber eher rar. Die Einblendungen und Laufschriften bekommen ein bisschen Tiefe, aber so richtig ausgenutzt werden sie nicht mehr. Bei "Autobahn" sind noch ein paar Ansätze zu sehen, aber hier, wie auch an einigen anderen Stellen, funktionieren sie vor allem in Bühnennähe manchmal nicht wirklich, weil die Musiker im Bild stehen. Im Verlauf des Abends hatte ich auch den Eindruck, dass die Effekte etwas unscharf wurden - oder vielleicht haben auch einfach meine Augen irgendwann nicht mehr mitgemacht.

Updated Musikalisch gab's natürlich so ziemlich alles zu hören, was man erwarten würde: Computerliebe, Das Model, Neonlicht, usw. usf. "Radio-Aktivät" hatte eine kleine Aktualisierung erfahren, denn es wurde Fukushima erwähnt und an Mutationen kann ich mich im Original auch nicht erinnern. Die Gelegenheit, "Computerwelt" entsprechend um die NSA zu ergänzen, hatte man allerdings nicht genutzt.

"La Forme" hätte ich jetzt vielleicht nicht in die engere Wahl für ein Konzert genommen. "Autobahn" fiel (zum Glück) kürzer aus als im Original, dafür war "Tour der France" deutlich verlängert worden. Bei der "Mensch-Maschine" hatte Ralf Hütter die hohen Töne schon vermieden, aber spätestens bei "Ätherwellen" fiel dann endgültig auf, dass es mit seiner Stimme wohl nicht mehr so weit her ist (oder wer hat das im Original gesungen?) und nach dem eher schwachen Intro wurde dann auch lieber ein fetter Techno-Beat ausgepackt. Überhaupt kamen viele der Stimmen-Effekte aus der Konserve. Neben "Ätherwellen" waren aber auch nur bei "Das Modell" und bei "Neonlicht" so etwas wie Gesangseinlagen nötig, und zumindest die beiden Stücke kamen auch ordentlich rüber.

The Robots Am Ende von "Trans-Europa-Express" wurde ein Kling-Klang-Schriftzug eingeblendet und der Vorhang schloss sich. Bald gab es aber schon Klänge zu hören, die auf das nächste Stück schließen liessen. Und tatsächlich, als er sich wieder öffnete, standen auf der Bühne nicht die Musiker sondern ihre vier Roboter-Alter-Egos. Es ist ja schon etwas merkwürdig, wenn eine Menschenmasse einer Bühne voller Maschinen zujubelt ... Was solls, hier waren wir und es gab "Die Roboter" zu hören.

Nachdem der Vorhang noch einmal zu- und wieder aufgegangen war, waren die Roboter wieder verschwunden und stattdessen hatte die vier Menschen ihre Positionen wieder eingenommen. Als zweite Zugabe (was die erste war, habe ich vergessen) gab es dann tatsächlich auch mal ein Stück, das ich nicht kannte ("Planet of Visions") bevor ein Mega-Mix aus "Boing Boom Tschak", "Techno-Pop" und "Musique Non-Stop" das Konzert abschloss. Jeder der vier Musiker gab der Reihe nach noch ein Solo zum besten, trat an den rechten Bühnenrand und verabschiedete sich mit einer Verbeugung - Ralf Hütter natürlich als letzter.

Fazit: Trotz der angesprochenen Schwächen natürlich eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lassen konnte. Und bei aller Mäkelei hat das Konzert über weite Strecken einfach auch viel Spaß gemacht.

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Andere haben folgendes über 'Kraftwerk in der Liederhalle' geschrieben:

12 Monate, 15 Konzerte - Dirks Hirnableiter
[...] Yo La Tengo im La Cigale (Paris) Mates of State im Birthdays (London) Sea+Air im Wizemann Fish im LKA Kraftwerk in der Liederhalle Je ein Mal Kate Rusby und Youn Sun Nah pro Jahr hat ja mittlerweile schon fast Tradition. 3 Mal Black Swift in [...] [mehr]
Empfangen am Samstag, 02. Januar 2016, 15:03 Uhr

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