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Ein Tag auf der Spielemesse in Essen

In den Tagen, als es auf die Spielemesse (allgemein auch nur als "Spiel" bekannt) zuging, dämmerte es mir so langsam, dass das Ganze wohl doch "etwas" größer ist. Vor Ort angekommen nahm ich mir dann auch erst einmal die Zeit, die - schon 30 Minuten vor der offiziellen Öffnungszeit - vorbei ziehenden Massen zu beobachten.

Viele waren es. Viele verschiedene auch - jede Altersgruppe war vertreten, und jede Couleur: Familien mit Kindern jeden Alters, ältere Menschen, Gruppen von Jugendlichen und nicht gerade wenige Menschen auch irgendwie verkleidet (eine Halle hatte den Schwerpunkt Comics, aber die Verkleideten waren überall zu sehen).

Und dann waren da die Koffer, die riesigen Taschen, die Trolleys und die Sackkarren. Es dauerte eine Weile, bis ich verstand: Hier waren viele auch - generalstabsmäßig gerüstet - zum Kaufen gekommen. Schon nach einer Stunde begegnete ich vielen Menschen, deren Ikea-Taschen bereits randvoll mit Spielen waren. Und die mit den Sackkarren hatten Plastik-Klappboxen mitgebracht, die sie dann nach und nach ausklappen und füllen konnten. Und nicht selten wurden dann auch mal gleich drei Exemplare des gleichen Spiels gekauft. Trotz Messepreisen hatte ich aber nicht den Eindruck, dass diese Käufer damit Geld machen wollten. Das waren Spiele-Freaks im besten Sinne, die wahrscheinlich auch einfach von Freunden und Verwandten angewiesen worden waren, ihnen noch das eine oder andere Spiel mitzubringen.

Und ich? Für mich war es ja das erste Mal auf der Spiel. Ich wollte mich erst einmal nur umsehen. Konkret hatte ich drei Ziele:

  1. Ich wollte vor allem nach Spielen Ausschau halten, die etwas mit Brainstorming zu tun hatten, oder sich dafür umwidmen lassen könnten.
  2. Ich suchte nach Möglichkeiten und Tipps, meine eigenen Karten produzieren zu lassen. Vor allem suche ich immer noch nach einer schicken aber nicht zu teuren Verpackung.
  3. Ich wollte ein paar Leute von Spielen treffen, die ich auf Kickstarter unterstützt hatte.

Fangen wir hinten an: Drei Kickstarter-Projekte hatten im Vorfeld angekündigt, dass sie in der einen oder anderen Form auf der Spiel sein würden. Als erstes traf ich Bez, dessen Buchstabenspiel Wibbell++ noch nicht fertig ist, das ich vor Ort aber probespielen konnte (und gewonnen habe ich auch gleich mal :) Bez hatte sich übrigens in ein schulterfreies rotes Kleid geworfen, was hier aber niemanden störte oder groß verwunderte.

Kurz nur war der Kontakt zu den Machern von Nerdy Inventions. Das war immerhin schon fertig und ich konnte mein Exemplar (Dank Voranmeldung) direkt mitnehmen.

Und am Ende des Tages traf ich mich noch mit Jan Soukal, auf dessen Spiel Space Race ich schon sehr gespannt bin. Er war auch nur als Besucher hier und wir hatten bei einem Kaffee einen netten Plausch über die Spiel und über seine Erfahrungen mit seinem Kickstarter-Projekt.

Was mir auf der Spiel ja auch erst so richtig bewusst wurde, ist die riesige Zubehörindustrie rund um die Spiele. Das geht natürlich los mit Zubehör und Erweiterungen für die diversen Roleplaying Games, Dungeons and Dragons und ähnliches. Da gibt es Figuren, Würfel, Karten, Spielmatten, diverse Aufbewahrungs-Behältnisse vom Würfelbeutel bis hin zu Taschensystemen. Aber auch ganze Möbel: spezielle Spieltische oder Würfeltische.

Mein erster Kauf war am Stand von Rory's Story Cubes ein Erweiterungsset mit 3 Würfeln mit "medieval", also Mittelalter-Motiven. Zwei einzelne Würfel gesellten sich später noch dazu, und so reifte der Entschluss, dass ich wohl auch so einen Würfelbeutel bräuchte. Fündig wurde ich dann bei All Rolled Up, die eine clevere Kombination eines Würfelbeutels zum Aufrollen mit Platz für Stiften und Papier verkaufen. Das schwierigste dabei war dann, ein Motiv zu finden, das gut aussieht, aber auch noch im Geschäfts-Umfeld vorzeigbar ist (was z.B. die schicke knallrote Variante ausschloss, da die an einem Ende ein Dracula-Motiv aufwies).

Damit bin ich ja auch schon beim Thema Spiele für Brainstorming: Ich mag das Basis-Set der Story Cubes, weil es sehr generische Motive hat, die sich so prima für Brainstorming eignen. Die Erweiterungs-Sets sind zum Teil sehr amüsant (Dinosaurier etwa, oder Doctor Who) und für den eigentlichen Zweck - Erfinden von Geschichten - auch gut geeignet. Aber wenn jemand an einer Präsentation arbeitet und ich ihm sage, er soll einen Würfel rollen und sich überlegen, was das Motiv im Kontext der Präsentation bedeuten könnte, dann funktioniert das mit möglichst generischen Motiven einfach besser.

Am Stand konnte ich einige neue Sets ausprobieren und das Medieval-Set hat mir am ehesten zugesagt, also habe ich es mitgenommen. Zuhause habe ich dann noch einmal das Actions-Set näher angesehen. Dieses hat - für meine Zwecke - das Problem, dass die "Actions" oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen sind. Nachdem ich mir die neun Würfel noch einmal in Ruhe angesehen habe, konnte ich immerhin drei davon für geeignet erklären. Zusammen mit den neun Würfeln des Basis-Sets und den drei neuen habe ich jetzt also 15 Würfel mit brauchbaren Motiven in meinem Repertoire - und natürlich werden sie jetzt in meinem neuen Würfel-Beutel aufbewahrt :)

Weitere Brainstorming-Spiele, die ich gefunden habe:

  • An einem Stand ließ ich mir "Pictionary" vorführen. Hier geht es darum, Dinge zu zeichnen und die anderen Teilnehmer müssen den Begriff erraten. Das hat gewisse Ähnlichkeiten mit der Übung namens "Graphic Jam", die ich mit den Teilnehmern meiner Kurse durchführe. Aber dazu brauche ich nicht für 30 Euro (Messepreis) das ganze Spiel zu kaufen.
  • Mitgenommen habe ich dagegen "Imagine". Hier wird der zu erratende Begriff aus vorgegebenen Karten mit Icons zusammengestellt. Die Karten alleine sind sicher in der einen oder anderen Form für eine Brainstorming-Übung brauchbar.
  • Das Spiel "Brainstorm" ist wohl nicht neu, aber ich musste es schon alleine wegen des Namens mitnehmen. Hier geht es darum, aus zwei vorgegebenen Motiven einen neuen Begriff zu formen.

Zählt man "Nerdy Inventions" und den Spontankauf "Monuments - Wunder der Antike" dazu, habe ich mich alles in allem ja doch stark zurückgehalten. Jedenfalls im Vergleich zu den Menschen mit den Sackkarren. Außerdem ging mir dann auch langsam das Bargeld aus (nur an wenigen Ständen konnte man mit Karte zahlen).

Und das Thema Produktion? Zwischen den Verkaufs-, Vorführ- und Zubehör-Ständen gab es auch ein paar (überraschend wenige) von Firmen, die sich auf die Produktion von Spielen, ganz oder in Teilen, spezialisiert hatten. Konkret habe ich mit zwei polnischen, einer italienischen und einer asiatischen Firma gesprochen. Alle wollten natürlich gleich auf eine große Auflage hinaus während ich derzeit noch überlege, ob ich mehr als 100 produzieren lassen soll. Immerhin, es waren gute Gespräche und vielversprechende Ansätze. Hier muss ich aber erst einmal weiter recherchieren und konkrete Angebote einholen, bevor ich die abschließend beurteilen kann. Tendenziell aber eher etwas für den Fall, dass sich meine Karten überraschend gut verkaufen ...

Fazit: Die Spiel ist eine (gar nicht mal so) kleine Welt für sich, aber unbedingt einen Besuch wert, wenn man sich auch nur marginal für Brett-, Karten- und ähnliche Spiele interessiert (Computerspiele oder auch nur computer-unterstützte Spiele findet man übrigens so gut wie nicht - hier ist noch alles analog). Tipp: Unbedingt viel Zeit mitbringen, vor allem wenn man auch mal das eine oder andere Spiel ausprobieren will. Und nicht zu viel Bargeld mitnehmen, denn man ist versucht, es alles auszugeben.

(Photos by yours truly)

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