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Rembetiko

Traditionen zum Jahresende: Das Silvesterprogramm des deutschen Fernsehens ignorieren und eine DVD einlegen. Dieses Jahr dann auch endlich mit einem DVD-Player, der nicht genau am 31.12. den Dienst verweigert (hat das alte Gerät zwei Jahre hintereinander gemacht - das muss ein höchst interessanter Firmware-Bug sein).

Die Auswahl des Films zum Jahresende beschränkt sich auf Komödien (werden lustiger, je mehr man intus hat) oder "Schinken" (werden besser, je mehr man intus hat). Für das Ende von 2012 war die Wahl schon vor Wochen auf den griechischen Spielfilm "Rembetiko" gefallen.

Eigentlich sollten wir doch in einer Zeit leben, in der es kein Problem ist, jeden jemals gedrehten Film käuflich erwerben oder doch wenigstens streamen zu können. Tja, oder auch nicht. Es fängt schon damit an, dass man einen Film, der 1984 immerhin einen silbernen Bären gewonnen hat, nicht einmal in einer deutschen Synchronfassung bekommen kann (es gab wohl mal eine VHS-Kassette mit deutschem Ton, aber keine DVD). Am Ende blieb mir dann nur die Option, die australische(!) DVD zu erwerben, die im griechischen Original mit englischen Untertiteln daherkommt. Zum Glück kann man weiten Teilen des Films auch so folgen, so dass man sich nicht die ganze Zeit auf die Untertitel konzentrieren muss.

Rembetiko kann man wohl nur wirklich verstehen, wenn man sich etwas mit der griechischen Geschichte zwischen 1920 und 1950 beschäftigt - was ich nicht getan habe. Im Mittelpunkt steht eine Sängerin (Rembetiko ist ein Musikstil), die vor dem Hintergrund der geschichtlichen Ereignisse aufwächst und zu einem Star aufsteigt. Laut DVD-Cover ist Marika Ninou in Griechenland etwa so beliebt und bekannt wie Edith Piaf in Frankreich.

Eine zentrale Rolle spielt folglich auch die Musik. Es ist viel Rembetiko zu hören, welcher sich für mitteleuropäische Ohren eindeutig griechisch anhört, aber nicht so nervig-abgedroschen wie Sirtaki. Der Film macht Lust, sich auch noch den Soundtrack zuzulegen, aber da wartet schon die nächste Hürde, denn auch den kann man nicht mal eben so bei den einschlägigen Musikportalen herunterladen und die CD kostet, so sie denn erhältlich ist, auch gleich eine Stange Geld.

Zurück zum Film: Mit dem Mut zur Lücke ob der geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergründe fasziniert der Film trotzdem. Die einzige feste Größe im Leben von Marika ist die Musik, ansonsten treibt sie eher ziellos umher, zwischen Männern und Großereignissen der Geschichte (Zweiter Weltkrieg, deutsche Besatzung), die auch ihre Schatten in ihre kleine Welt werfen.

Eine Message des Films könnte lauten: Je mehr sich Dinge ändern, um so mehr bleiben sie gleich. Zum Beispiel: Marika verdrängt Roza aus dem Ensemble (sehr schön in Bilder umgesetzt in Form der sich ändernden Sitzordnung bei den Auftritten) - und droht bald ihrerseits auf die gleiche Weise von der jungen Marina verdrängt zu werden.

Man könnte kritisieren, dass die Hauptdarstellerin Sotiria Leonardou über weite Teile des Films nur starr in die Kamera (oder die Ferne) blickt. Andererseits ist das genau das Problem der Figur Marika: Das Leben zieht an ihr vorbei und sie weiß die meiste Zeit über nicht so recht, was sie damit machen soll - also lässt sie es einfach geschehen.

Der Film spielt überwiegend in beengten Verhältnissen - in Kneipen und deren Hinterzimmern, in kleinen Wohnungen und Höfen. Ich glaube, es gibt nicht eine einzige Szene, die einen Horizont oder eine weite Landschaft zeigt. Insofern könnte man den Film auch leicht in ein Bühnenstück verwandeln. Oder vielleicht in ein Musical (das wäre mal eines, das ich mir tatsächlich ansehen würde ...).

In dem Film stecken wahrscheinlich noch viele Anspielungen, die ich mangels Wissen über die Hintergründe gar nicht bemerkt habe. Es ist auch bestimmt schon 20 Jahre her, dass ich den Film zuletzt gesehen habe. Jetzt habe ich die Story wieder "drauf" und vor dem nächsten Ansehen werde ich mein Wissen in griechischer Geschichte der Neuzeit mal etwas aufbessern.

Am 31.12. ereilte mich noch eine traurige Nachricht aus dem familiären Umfeld. Die Beerdigungsszene am Ende des Films, die ich schon ganz vergessen hatte, bekam so eine unerwartete Aktualität. Andererseits ist es aber auch eine der stärksten Szenen des Films: Da scharren sich die alten Männer um das Grab - und plötzlich werden Instrumente herumgereicht. Und so endet der Film mit einem Friedhof voller Menschen, die Musik spielen und Tanzen und damit den Tod ein klein wenig erträglicher machen.

Creative Commons Licence "Rembetiko" by Dirk Haun is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International Licence.

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