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Quo vadis, Auto? 2 Firmen, 1 Problem

Eine Veranstaltung mit dem Titel "Jahresauftakt für mittelständische Unternehmer in Stuttgart" verspricht ja nun nicht gerade übermäßig spannend zu werden. Besonders wenn, nach einem merkwürdigen Verständnis von "Mittelstand", zwei Redner von Daimler und Porsche eingeladen sind.

Interessant wurde die Veranstaltung dann aber dadurch, dass der Redner von Daimler ein anderer war, als eigentlich angekündigt. Alexander Mankowsky hat bei Daimler einen Job mit viel Freiraum für "Future Studies and Ideation". Und den nutzt er offenbar auch und wir bekamen einen kleinen Einblick. Im Kontrast dazu stand der sehr markenorientierte, eher traditionelle und mit Werbevideos unterfütterte Vortrag von Klaus Zellmer von Porsche.

Worüber ich noch nie so richtig nachgedacht hatte: Hier sind zwei in Stuttgart ansässige Autohersteller, die einiges gemeinsam haben, sich aber auch in mancherlei Hinsicht unterscheiden. Wie gehen die eigentlich mit den Herausforderungen einer Zukunft um, in der das Automobil - also deren Hauptprodukt - immer weniger wichtig wird? Das war zwar nicht direkt das Thema der beiden Vorträge, aber es klang an und man konnte leicht seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen.

Porsche

Porsche strotzt in dieser Hinsicht vor Selbstbewusstsein. Wie der Redner offen zugab, ist ein Porsche nun einmal ein Auto, das, so weiß man eben auch beim Hersteller, eigentlich niemand wirklich braucht. Es ist ein Luxusprodukt und folglich leidet man als Firma auch eher dann, wenn eine Wirtschaftskrise ausbricht (wie in der angeschnittenen Firmengeschichte immer wieder anklang). Umgekehrt macht man sich aber auch wenig Sorgen über eine "auto-arme" Zukunft. Wenn das Produkt jetzt schon nur aus Spaß am Fahren gekauft wird, dann wird es solche Leute auch in Zukunft geben. Ganz ausschließen wollte man es nicht, dass auch ein Porsche einmal selbst fahren kann, aber man setzt eben darauf, dass beim Besitzer doch immer wieder der Wunsch aufkommt, sich selbst ans Steuer zu setzen.

Der Vortrag blickte bewusst nur 10-15 Jahre in die Zukunft und zumindest für diesen Zeitraum macht man sich bei Porsche wohl nicht wirklich Sorgen um einen grundsätzlichen Wandel der Einstellung zum Automobil - zumindest nicht zu der Sorte, die Porsche verkauft.

Daimler

Der Vortrag von Alexander Mankowsky setzte ganz anders an. Seine dreistufige Vorgehensweise ist: Learn, Explore, Make. Für den Lerneffekt zeigte er Filme aus den 1960er-Jahren, die stolz berichteten, wie in Berlin der Verkehrsfluss sichergestellt wird, indem man dort besonders breite Straßen - Stadtautobahnen nach amerikanischem Vorbild - gebaut hat. Aus heutiger Sicht schon "Realsatire", wobei er auch gleich davor warnte, dass man in 50 Jahren über unsere heutigen Vorstellungen von Mobilität vielleicht ähnlich denken wird.

Den Verkehr über alles andere zu stellen war also ein Irrweg. Spannend wurde es nun, als es um die Explore-Phase ging. Einige Beispiele: Ein Entwurf für eine Brücke in London, die mit Bäumen bepflanzt werden soll. Die Idee eines solchen Parks auf einer Brücke ist, dass man einerseits vorwärts kommt (den Fluss überquert), es sich aber andererseits nicht wie eine streng zweckgebundene Reise von A nach B anfühlt. Ein anderes Beispiel sind "Parklets", kleine Ecken, die man sich von den Autos zurückerobert, etwa aus Parkplätzen oder am Straßenrand. Hier diente ein Foto als Aufhänger zu einem Gedankensprung: Direkt neben einem solchen Parklet fließt der normale Verkehr - das ist doch gefährlich.

Alexander Mankowsky Jetzt fand das Daimler-Showcase-Auto F015 Erwähnung: Wenn dieses parkt, so eine Idee, wird es Teil der Infrastruktur der Stadt und kann etwa aktiv die Umgebung beobachten und einen von hinten herannahenden Verkehrsteilnehmer warnen, wenn vor dem Auto ein Kind - das er ja noch nicht sehen kann - im Begriff ist, auf die Straße zu laufen. Oder das Auto könnte einen Zebrastreifen vor sich auf die Straße projizieren, um einem Fußgänger anzudeuten, dass es sicher ist, die Straße zu überqueren.

Die Frage der Kommunikation von Menschen und Maschinen bot einen Anlass zu einem Ausflug. Angenommen, eine Drohne soll eine bestimmte Route fliegen und nun stellt sich ihr ein Mensch in den Weg. Wenn die Drohne einfach so auf den Menschen zufliegt - auch wenn sie das Hindernis erkennt und plant, abzubremsen - ist das für den Menschen ziemlich angsteinflößend. Wie könnte sie also signalisieren "ich habe Dich gesehen"? Experimente haben ergeben, dass schon ein paar einfache blinkende Lichter und das Wackeln mit den Flügeln ausreichen, um die Situation zu entschärfen.

Ich finde es sehr spannend, dass Daimler es sich leistet, hier jemanden an solchen Dingen forschen zu lassen. Das F015 hatte ich nicht weiter beachtet - ein Autohersteller zeigt, wie er sich das Auto der Zukunft vorstellt. So what? Aber dieser Vortrag zeigte, dass da viel mehr dahinter steckt und man sich bei Daimler tatsächlich Gedanken darüber macht, wie eine Zukunft aussieht, in der Autos eben nicht mehr als reines Transportmittel gesehen werden.

Unterschiedliche Strategien

Natürlich, und da komme ich wieder zum Ausgangspunkt zurück, hat auch Daimler das Problem, dass sie auch in Zukunft Autos verkaufen müssen. Wenn die Gesellschaft aber Autos zunehmend als Gemeinschaftseigentum (siehe Car Sharing) oder allenfalls noch als Hobby (siehe Porsche) sieht - was bedeutet das für einen Hersteller wie Daimler? Offenbar setzt man immer noch auf den Individualbesitz eines Fahrzeugs, versucht aber, zusätzliche Verwendung für das Auto zu finden, die über die Funktion des Transportmittels hinausgeht und so auch dem Argument der Car-Sharing-Unterstützer, wonach ein Auto nur 5% des Tages in Bewegung ist, etwas entgegen zu setzen. Ob das funktioniert, wird sich zeigen.

Der Vergleich zwischen den beiden Autoherstellern zeigt also große Unterschiede: Während man bei Porsche den Wandel zwar zur Kenntnis nimmt, rechnet man mit nur wenigen Auswirkungen auf das eigene Geschäft. Daimler, mit seiner anders gestrickten Zielgruppe, dagegen hat die Bedrohung erkannt und nimmt die Herausforderung an. Dazu gönnt man sich dann auch "Freidenker" wie Alexander Mankowsky, die helfen könnten, den Stellenwert und die Funktion des Automobils neu zu definieren.

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