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Mal wieder gesehen: Ghost in the Shell

Ghost in the Shell ist ein japanischer Manga, hierzulande vor allem bekannt durch den gleichnamigen animierten Film von 1995. Viel mehr weiß ich selbst auch nicht darüber, aber nach dem relativen Erfolg des Films (auch außerhalb der üblichen Kreise) wurden im Laufe der Zeit noch ein zweiter Film als Sequel und mittlerweile zwei Prequel-Serien nachgelegt.

Worum geht's?

Die Filme und Serien spielen in einem Japan der nicht allzu fernen Zukunft, so um das Jahr 2030 herum. Es gab irgendwelche nicht näher ausgeführten Kriege, die wohl auch die Landkarte der restlichen Welt verändert haben (in den Prequel-Serien ist z.B. die Rede vom "American Empire" statt den USA). Hauptthema aller Teile ist jedoch die Änderung bei den Menschen selbst: Diese sind mittlerweile alle - manche mehr, manche weniger - "cyberised", verfügen also über eine nicht weiter erklärte Unterstützung durch implantierte(?) Computerhardware bzw. direkte Verbindung vom Gehirn zum Netz (das mehr und leistungsfähiger ist, als das heutige Internet). Und fast alle Menschen verfügen über künstliche Körperteile, bis hin zu kompletten künstlichen Körpern.

Was bleibt da noch vom Menschen? Der "Ghost" aus dem Titel. Wobei man sich auch hier wieder darum drückt, den näher zu definieren. Ist es die Seele? Der menschliche Geist (was auch immer das sein mag)? Aber genau darum geht es dann auch wieder in den gelegentlichen philosophischen Ausflügen, die unvermittelt zwischen den Action-Szenen stattfinden.

Im Zentrum der Handlung steht eine Gruppe, genannt Section 9, eine Art Einsatzgruppe der Sicherheitsbehörden, mit weit gehenden Rechten (inkl. Tötungen, wie gleich am Anfang des ersten Films klar wird). Sie sind sowohl gut bewaffnet als auch im Bereich Hacking und - wie man heute sagen würde - Datenmanipulation gut aufgestellt. Hauptfigur ist "The Major" Motoko Kusanagi, eine Frau mit komplett künstlichem Körper, der große Batou, der ehemalige Polizist und einzig voll-menschliche Togusa, der erfahrene Hacker Ishikawa, sowie deren aller Chef, der weißhaarige Aramaki. In den Serien wird die Truppe noch um den Scharfschützen Saito, den undurchsichtigen Paz und den vielseitig einsatzbaren Borma ergänzt.

Einfluss

Der erste Film ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Action-Szenen wechseln sich mit ruhigen Sequenzen ab, in denen man in aller Ausführlichkeit diese einerseits fremde und andererseits doch noch irgendwie vertraute Welt betrachten kann. Die Geschichte und Hintergründe muss man sich zusammenpuzzeln, aber genau dafür lässt der Film dann auch immer wieder Raum. Die philosophisch angehauchten Diskussionen und Ausführungen sind nicht unbedingt "insightful", aber interessant, um einmal - und das mitten in einem Actionfilm - über die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung nachzudenken.

Der Einfluss des Films ist unverkennbar. Auf YouTube finden sich diverse Gegenüberstellungen von Sequenzen aus Ghost in the Shell mit Szenen aus "Matrix". Umgekehrt zitiert eine Szene in der zweiten SAC-Staffel genüsslich die Szene mit dem Hubschrauber-Absturz aus eben diesem Matrix-Film. Vieles von der Optik, der Handlung, den Hintergründen findet man in Zitaten an oft unerwarteten Stellen wieder. Manga mögen ein Nischenprodukt sein und der Film hat sicher nicht die Massenwirkung von Star Wars oder Star Trek, aber für sein Genre ist der Einfluss schon bemerkenswert.

Die Sequels und Prequels

Der zweite Film, Innocence, ist ein sehr merkwürdiges Versatzstück. Die Hauptfigur aus dem ersten Film kommt so gar nicht mehr vor. Vielmehr steht Batou im Mittelpunkt. Auch die Optik ist stark anders - eine merkwürdige Mischung aus "glänzenden" Computergrafiken und "matten" traditionellen Animationen. Ähnlichkeiten mit Filmen wie Spirited Away ("Chihiros Reise ins Zauberland") sind kein Zufall, standen doch die gleichen Macher dahinter.

Ins andere Extrem fallen die Prequel-Serien: Hier gibt es schlechte Animationen im berühmt-berüchtigten japanischen Standard-Zeichentrick-Stil. Und die Kleidung des Majors in der ersten Stand-Alone-Complex-Staffel ist der Figur einfach nicht angemessen.

Inhaltlich beschäftigt sich die erste Staffel von Stand Alone Complex mit einem Superhacker namens Laughing Man. Dessen Logo hat noch eine gewisse Bekanntheit außerhalb der Serie erlangt, aber damit endet dann auch der Einfluss der Prequel-Serien. In der zweiten Staffel geht es um die Individual Eleven - was damit genau gemeint ist, würde hier den Rahmen sprengen.

Die Pre-Prequel-Serie Arise spielt noch früher und will die Vorgeschichte der Gruppe erzählen. Dabei ist man bewusst auch hier und da vom "Kanon" abgewichen und hat den Figuren z.T. neue Vorgeschichten verpasst. Es ist nicht ein kompletter Reboot, aber ein bisschen. Konsequenterweise hat man den Figuren auch neue Sprecher verpasst.

Die chronologische Reihenfolge ist also:

  • Arise (2 Staffeln plus eine Episode in Spielfilm-Länge)
  • Stand Alone Complex (2 Staffeln)
  • Ghost in the Shell
  • Ghost in the Shell 2: Innocence

Continuity

Spätestens wenn man sich die Teile in chronologischer Reihenfolge ansieht, fallen die vielen kleinen Ungereimtheiten auf. Selbst ohne die bewussten Änderungen aus Arise passen viele Details einfach nicht zusammen:

Im ersten Film fragt Kusanagi Batou, wie viel seines Körpers denn künstlich sei. Als Team, das offensichtlich schon so lange eng zusammenarbeitet, kann man sich nicht vorstellen, dass sie ihm diese Frage jetzt erst zum ersten Mal stellt. In Arise wird Batou explizit als kompletter Cyborg dargestellt, und auch in SAC wird zumindest dieser Eindruck erweckt. In Innocence dagegen verliert er einen nicht-künstlichen Arm.

Ebenfalls im ersten Film wird Togusa noch als der Rookie dargestellt, der gerade erst kürzlich zum Team gestoßen ist. In SAC ist er von Anfang an dabei und selbst in Arise, wo das Team erstmals zusammengestellt wird, ist er zwar der letzte, aber das Team steht innerhalb weniger Tage.

Empfehlung

Auch wenn man mit Science Fiction nichts am Hut hat, sollte man sich den Film auf jeden Fall einmal ansehen. Zusammen mit Star Wars, Star Trek oder Matrix hat dieser Film einfach sehr viel Einfluss auf die Kultur des 21ten Jahrhunderts gehabt - in diesem Fall vielleicht weniger bekannt, aber trotzdem wichtig. Es würde sich sogar ein Double Feature mit Matrix anbieten. Die Filme sind - trotz der Zitate - einerseits sehr unterschiedlich, beschäftigen sich aber andererseits mit verwandten Themen.

Innocence, der zweite Film, ist meiner Meinung nach grandios gescheitert. Zum Teil schön anzusehen, aber (bewusst?) verwirrend und er bringt die Geschichte nicht wirklich weiter.

Ebenfalls nur für Fans sind die Prequel-Serien. Hier steht vor allem die Action im Vordergrund. Gelegentlich erfährt man etwas über die Vorgeschichte der Figuren (wie erwähnt, nicht immer widerspruchsfrei). Nur gelegentlich geht es noch um den eigentlich titelgebenden Ghost. Es ist eher Massenware.

Synchronisation

Ein Hinweis noch zur deutschen Synchronisation des ersten Films: Es gibt zwei davon, und keine ist gut. Die ursprüngliche Synchronisation ist leider voller Fehler. So ist an einer Stelle die Rede von "illegalen Außerirdischen". Gemeint sind natürlich "illegal aliens", also Ausländer ohne Aufenthaltserlaubnis. Peinlich, das so etwas durchschlüpfen konnte. Für die neuere Synchronisation fand man es eine tolle Idee, auf die Synchronstimmen der Serie Stargate zurückzugreifen. Major Kusanagi klingt also wie Major Carter und Batou wie Teal'c. Ich fand's reichlich irritierend. Die englische Synchronisation ist m.E. gut verständlich und wäre meine Empfehlung.

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Mal wieder gesehen: Ghost in the Shell
Autor: sozio am Sonntag, 29. Januar 2017, 21:18 Uhr

Hmm... also bei mir war es eher umgekehrt - ich fand den zweiten Film (Innocence) einfach nur genial. Gerade dass nicht alles bis ins Detail aufgeklärt wird macht den Film noch viel mystischer. Für mich der perfekte Cyberpunk-Film und in der Top 5 meiner Lieblingsfilme.