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Ein Besuch in Bletchley Park

Bletchley Park. Wenn ich diesen Ort erwähne, bekomme ich in Deutschland fast immer nur "blank stares" als Reaktion - auch von Leuten, die damit eigentlich etwas anfangen können sollten.

Bletchley Park war der supergeheime Ort, an dem die Aliierten während des zweiten Weltkriegs die Enigma (und andere Verschlüsselungen) geknackt haben. Alan Turing hat dort gearbeitet. Und noch viel mehr ist dort während dieser Zeit geleistet worden. Aber wer das bisher nicht wußte, sollte es sich lieber selbst anlesen statt sich von mir die Kurzfassung geben zu lassen.

Wo ich eh schon in Milton Keynes war, bot sich der kleine Schlenker in den Nachbarort Bletchley natürlich an.

The Mansion Das Gelände von Bletchley Park ist recht groß und ein wenig verwirrend. Von Bildern kennt man vielleicht noch das auffällige Gebäude, genannt The Mansion, aber gerade dort gibt es eher wenig zu sehen. Die Arbeit an den verschiedenen Codes wurde sehr stark aufgeteilt, auf die einzelnen Huts bzw. Blocks - und entsprechend auch wieder restauriert, so dass man viel zwischen den Gebäuden hin- und herlaufen muss, will man wirklich alles sehen. Die Empfehlung von der Website, an entsprechende Kleidung und Schuhwerk zu denken, ist also durchaus ernst zu nehmen. Es ist nicht so, dass man dort im Matsch herumstapft, aber man läuft eben viel und das Englische Wetter ist auch immer für feuchte Überraschungen gut.

Empfehlung: Unbedingt den Großteil eines Tages einplanen. Ich habe gute 5 Stunden dort verbracht und dabei schon die meisten Filme u.ä. ausgelassen. Wenn die Restaurierung der übrigen Huts wie geplant voran kommt, gibt es bald sogar noch mehr zu sehen.

Eine Guided Tour mitzumachen hilft etwas bei der Übersicht. Die Visual Guides fand ich nur bedingt hilfreich, aber die Videos sind ganz nett gemacht und kann man sich ja mal in einem ruhigen Moment, etwa bei einem Kaffee in Hut 4, ansehen. Beide Guides sind übrigens im Eintrittspreis enthalten, was ja auch nicht selbstverständlich ist.

Etwas unschön und organisatorischen Querelen geschuldet: Wenn man die Nachbildung von Colossus sehen will, muss man noch einmal 2 Pfund extra an Eintritt für das National Museum of Computing zahlen. Wer sich eh für das Thema interessiert, sollte das aber unbedingt tun. Das Museum of Computing selbst hat leider nur an bestimmten Wochentagen geöffnet und kostet dann noch drei weitere Pfund Eintritt (Zugang zu Colossus gibt es täglich).

Alan Turing Am Anfang schwirrt einem etwas der Kopf von all den Begriffen, Abkürzungen, Namen und Hüttennummern. Aber man hat sich sehr viel Mühe gegeben, die Themen aufzuarbeiten und möglichst verständlich zu erklären, was denn nun eigentlich das Problem war, wie die Enigma funktioniert und wie sie geknackt werden konnte. Ob das Thema nun wirklich für die Unter-10-Jährigen geeignet war, die ich dort auch gesehen habe, will ich noch etwas bezweifeln, aber es gibt auch Kinderecken und Stellen, an denen man mal etwas ausprobieren kann.

Wie erwähnt geht es in Bletchley Park auch nicht nur um die Enigma. So hat man dort auch den Code der von den obersten Befehlshabern des Dritten Reichs benutzen Lorenz-Maschine geknackt (dafür wurde Colossus gebaut, nicht für die Enigma). Und auch über die von Japan verwendeten Verschlüsselungen kann man etwas erfahren.

Bemerkenswert ist auch, dass dies alles noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg geheim gehalten wurde, obwohl in der Hochzeit dort mehrere Tausend Menschen gearbeitet hatten. Es herrschte wohl ein sehr starkes Pflichtbewusstsein. Unsere Führerin erzählte als Beispiel die Geschichte von dem Ehepaar, das erst bei einem gemeinsamen Besuch in Bletchley Park herausfand, dass sie beide während des Kriegs dort gearbeitet hatten; es war geheim und wichtig und man sprach eben nicht darüber.

Solche und ähnliche Geschichten - die von Alan Turing ist noch die Bekannteste - sind es auch, die die sonst so abstrakte Arbeit in Bletchley Park ein wenig greifbarer machen. Bletchley Park ist ein wichtiges Denkmal der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts und es ist schön zu sehen, dass es nach Jahrzehnten des Schweigens und des Verfalls nun endlich die Aufmerksamkeit - und die Mittel! - bekommt, die ihm ob seiner Rolle zustehen.

Auf Google+ habe ich ein paar Schnappschüsse vom Rundgang, eingefangen von meinem Narrative Clip, veröffentlicht.

Creative Commons Licence "Ein Besuch in Bletchley Park" by Dirk Haun is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International Licence.

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