Alltag

Eine Fahrt mit dem orangefarbenen Zug

Unter viel Trara und Pressebeachtung startete am 14.12.2016 der erste per Crowdfunding finanzierte Zug von Locomore in Stuttgart seinen täglichen Pendelverkehr nach Berlin. Schön, dass sich mal jemand traut, der Bahn auf einer solchen Fernstrecke Konkurrenz zu machen.

Nun muss ich in nächster Zeit nicht nach Berlin und die Abfahrtszeit in Stuttgart um 6:12 Uhr ist auch nicht so mein Fall, aber über die Feiertage stand der alljährliche Besuch in der Heimat an und der Weg dahin führt über Darmstadt, wo der Locomore-Zug auch hält. Also habe ich die Rückfahrt damit gebucht.

Die Buchung lief schon einmal recht entspannt ab. Es gibt zwar erstaunlich viele Optionen was die Abteils angeht (inkl. themenspezifische Abteils für diejenigen, die sich mit ihren Mitreisenden über ein bestimmtes Thema unterhalten wollen), aber es war alles leicht verständlich. Ich will auf einer Zugfahrt vor allem meine Ruhe haben, also habe ich ein Ruheabteil gebucht. Die Sitzplatzreservierung ist im Preis enthalten und schon belegte Plätze werden angezeigt. Einzig die Information, in welche Richtung der Zug fährt, habe ich vermisst (oder nicht gefunden). Ich bevorzuge sonst zwar eher den Großraum, aber Ruhebereiche gibt es bei Locomore nur im Abteil und es hatte bis dahin auch nur eine andere Person das Abteil gebucht.

Am Abend der Reise dann die Frage: Fährt der Zug überhaupt noch? Nach der Premierenfahrt und dem Presse-Echo am nächsten Tag hatte ich überhaupt nichts mehr von Locomore gehört oder gelesen. Aber andererseits hätte man über Probleme ja bestimmt prompt berichtet. Alltag dagegen ist langweilig - "no news is good news".

Und tatsächlich fuhr der Zug auch pünktlich in Darmstadt ein, ordentlich angekündigt per Anzeige und Lautsprecherdurchsage. Lediglich der Wagenstandsanzeiger war noch etwas improvisiert außen auf den Infokasten geklebt. Der Ausdruck stimmte auch mit der tatsächlichen Position am Bahnsteig überein - keine "umgekehrte Wagenreihenfolge" oder ähnliches also. Wie auch bei der Bahn befand sich der Wagen mit den Ruheabteilen am Ende des Zuges.

Kurzer Eindruck von drinnen, als ich von einem Ende des Wagens zum anderen zu meinem Abteil gelaufen bin: Freundliche Begrüßung durch das Personal. Im Großraum-Teil sah alles neu aus und die Fahrgäste hatten es sich gemütlich gemacht (etwas zu gemütlich zum Teil, wenn man mit Trolley und Tragetasche durch wollte). In meinem Abteil war dann auch tatsächlich nur ein weiterer Fahrgast (der prompt auf meinem Platz saß, diesen aber von sich aus sofort räumte). Die roten, noch neuen, Sitzbezüge sehen natürlich schick aus, aber an Details wie der Schiebetür merkt man schon, dass das Zugmaterial an sich älter ist und nur rundumerneuert wurde.

Das eigentlich angekündigte WLAN glänzte durch Abwesenheit. Ich habe es aber auch nicht vermisst und deshalb auch nicht danach gefragt. Oder vielleicht gibt's im Ruhebereich absichtlich keines?

Erst nach einiger Zeit fiel mir dann auf, dass es nicht so richtig warm im Abteil war. Es war nicht kalt, aber einen Tick wärmer hätte ich es mir schon gewünscht. Nachdem mein Mitinsasse in Heidelberg ausgestiegen war, hatte ich die Heizung noch etwas hochgedreht, aber bis Stuttgart keinen wirklichen Unterschied mehr feststellen können.

Insgesamt merkt man natürlich schon, dass das Wagenmaterial eine gute Generation hinter dem besseren Material der Bahn zurück liegt. Bei der Fahrt durch die Tunnel merkte man den Druckunterschied und gelegentlich wurde man auch mal etwas im Sitz hin- und hergeworfen. Beides Dinge, die ich bei der Bahn schon seit Jahren nicht mehr erlebt habe.

Am Ende kamen wir dann pünktlich in Stuttgart an. Was soll ich mehr sagen? Ein Zug, der einen pünktlich von A nach B bringt, keine besonderen (negativen) Auffälligkeiten beim Service oder Komfort hat - was will man mehr?

Ach ja, der Preis: 18 Euro habe ich für die Strecke von Darmstadt nach Stuttgart bezahlt, in der zweiten Klasse (oder "Basic", wie das bei Locomore heißt), Platzreservierung inklusive. Die Hinfahrt mit der Bahn hat mich gut 30 Euro gekostet, aber rein zufällig fährt eine dreiviertel Stunde nach dem Locomore-Zug auch ein IC der Bahn für nur 14 Euro (zzgl. Platzreservierung, die ja mittlerweile auch unverschämte 4,50 Euro kostet). Beim Kampf gegen die Konkurrenz will sich die Bahn offenbar keine Blöße geben. Mal sehen, wie sich diese Geschichte weiter entwickelt. Ich würde den Locomore-Zug jedenfalls wieder nehmen.

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