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Ein Besuch beim CERN

Das CERN in Genf ist ja so etwas wie das europäische Nerd-Mekka. Nicht nur, dass hier mit dem LHC ein supercooles und superkomplexes High-Tech-Spielzeug steht - dort wurde ja auch, eher als Nebenprodukt, das WWW erfunden. Tatsächlich kann man das CERN auch ganz normal besuchen, aber wann kommt man schon mal nach Genf? Die Gelegenheit ergab sich für mich im Rahmen eines 3-tägigen TED-Events.

Letzten Endes war ich dann sogar zwei Mal beim CERN. Der erste Besuch fiel, was den Nerd-Faktor angeht, etwas unspektakulär aus: TED nutzte Räumlichkeiten im CERN lediglich für einen ganztägigen TEDx-Workshop (eher eine Art Meta-TEDx, mit Vorträgen darüber, wie man ein TEDx-Event besser organisiert und durchführt). So befanden wir uns dann zwar in den "heiligen Hallen" (und der Mensa), aber von den eigentlichen CERN-Aktivitäten war an diesem Tag keine Rede.

Für den zweiten Tag waren Gruppen-Aktivitäten in und um Genf angesetzt und eine davon war ein richtiger CERN-Besuch. Diese Aktivität war natürlich sehr begehrt, aber ich hatte Glück und war einer von 50 "Auserwählten" (von 400+). Meine Zweitwahl war übrigens ein Besuch beim Human Brain Project, was sicher auch interessant gewesen wäre.

Und so fand ich mich dann zum zweiten Mal innerhalb von 24 Stunden im Empfangsbereich des CERN, wo wir nach einer kurzen Einführung in einen Bus verfrachtet und ganz unspektakulär nach Frankreich gefahren wurden. Dort, am Ortsrand des kleinen Städtchens Cessy, steht eines der vier Experimente, die den LHC benutzen, nämlich CMS (Compact Muon Solenoid). Wenn man sich den 27 Kilometer langen LHC-Ring vorstellt, dann ist das eigentliche CERN am südlichsten Punkt angesiedelt und das CMS-Experiment ziemlich genau gegenüber am nördlichsten Punkt. Daher dauerte die Busfahrt dann auch schon 20 Minuten.

Vor Ort angekommen steht man erst einmal vor unspektakulären Zweckgebäuden, die an Fabrikhallen erinnern. Zu sehen gibt es hier wenig, denn der eigentliche LHC und das Experiment befinden sich unter der Erde. Wir bekamen in einem Besprechungsraum eine Einführung in das Experiment durch einen der Führer und einen kurzen Film. Dann wurden wir in vier Gruppen aufgeteilt und über das Gelände geführt. Der Leiter unserer Gruppe war etwas zurückhaltend-nüchtern, andere hatten da wohl unterhaltsamere Führer erwischt.

Die Frage ist natürlich auch: Was erwartet man jetzt eigentlich von so einer Führung? Das Experiment an sich kann man ja nicht wirklich sehen. Man kennt das Bild von dem riesigen Detektor, doch da das Experiment gerade läuft, konnten wir den natürlich nicht im Original sehen. Eine Fotografie im Maßstab 1:1 gab aber einen guten Eindruck. Diese diente übrigens auch als Hintergrund für das TEDxCERN vor ein paar Wochen. Und tatsächlich steht man, wenn man vor dem Bild steht, genau über dem Original. Der Boden der ansonsten unscheinbaren Halle bedeckt einen 100m tiefen Schacht, in den der Detektor in Scheiben hinabgelassen wurde, bevor er unten dann zusammengebaut wurde.

Fotografieren ist übrigens ausdrücklich erlaubt - hier gibt es keine Geheimnisse. Wir bekamen dann so einiges an Hardware zu sehen (Prototypen, ausgemusterte und Ersatz-Teile, aufgeschnittene Detektoren und Beschleuniger, etc.) und durften auch in den Kontrollraum voller Bildschirme mit vielen bunten und für Laien unverständlichen Anzeigen.

Schließlich hieß es dann: "Helm auf" und dann ging es im Fahrstuhl nach unten. Hier sah es eher wie in einem Rechenzentrum aus. Ein Mix aus Standard- und selbstgebauter Hardware füllte viele, viele Racks. Kabel und Rohrleitungen überall. Schließlich kamen wir an eine gelbe Sicherheitsschleuse - für uns das Ende der Führung, denn solange das Experiment läuft, darf man den LHC-Tunnel und den Raum mit dem Detektor nicht betreten. Nicht etwa, weil man das Experiment stören könnte, sondern wegen der Strahlung.

Nach dieser Führung habe ich jetzt ein besseres Verständnis des Aufbaus und der Organisation, die in der Berichterstattung und der eigenen Vorstellung gerne etwas durcheinander geraten. Der LHC selbst ist eben erst einmal nur ein (besonders großer) Beschleuniger, für sich genommen aber unnütz. Erst die Experimente machen dann die Forschung und sie suchen nach ganz unterschiedlichen Dingen. Selbst wenn wir "nur" vor einem Foto standen, werden einem bei so einem Besuch auch erst einmal die Dimensionen bewusst: So ein riesiger Detektor, um so winzige Teilchen und Effekte zu messen.

Und was haben wir davon? Auch darauf gab es eine Antwort: Am CERN wird Grundlagenforschung betrieben. Die Ergebnisse werden vielleicht erst unsere Enkel verwenden können. Die Vergangenheit aber zeigt: Bisher hat sich noch für jede Erkenntnis, die am CERN gewonnen wurde, letzten Endes auch eine Anwendung gefunden. Und manchmal ergeben sich auch nützliche Nebenprodukte. Wie dasjenige, das Du gerade benutzt, um diesen Artikel zu lesen.

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Andere haben folgendes über 'Ein Besuch beim CERN' geschrieben:

TEDxTübingen 2016 - Dirks Hirnableiter
[...] Kollegen unter Leitung von Peter Fluhrer zur Premiere geliehen hatten. Nachdem wir letzten Dezember zusammen auch in Genf waren und die von uns lange ersehnte "große" Lizenz erworben hatten (endlich mehr als 100 Zuschauer!) konnte [...] [mehr]
Empfangen am Sonntag, 26. Juni 2016, 10:16 Uhr

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