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Buzzword-Overload: LearnTEC 2016

Von der LearnTEC, einer Messe zum Thema E-Learning, hatte ich schon gehört und das Thema interessiert mich ja auch, mehr oder weniger. Vor allem, da ich oft darauf angesprochen werde, ob ich nicht Webinars oder ähnliches anbieten will. Da die MFG großzügig Freitickets verteilt hat (Danke!), habe ich mich also mal auf den Weg nach Karlsruhe gemacht.

Man braucht aber nur ein paar Meter durch die Messehalle zu gehen und schon fallen einem die Buzzwords auf, die an jedem Stand prangen. Jeder hat eine App, ist interaktiv, MOOCs machen Spaß, das Lernen ist digital und individuell, ein LMS kontrolliert die Inhalte und die Erfolge und natürlich kommen auch 3D und VR nicht zu kurz.

Sprich, eigentlich hat man schon nach einem kurzen Rundgang keine Lust mehr und will dieser Ansammlung der Marktschreier kopfschüttelnd wieder entfliehen. Die können das doch unmöglich alle ernst meinen? Tun sie aber, leider.

Ich habe mir erst einmal zwei kurze Vorträge angehört. Der erste wollte den Wert von Trainingslösungen ermitteln, blieb aber theoretisch-abstrakt. Der zweite, über die "Trends 2020" und Spaß, war wenigstens unterhaltsam und gespickt mit Anspielungen auf Zurück in die Zukunft.

Alsdann habe ich mich also nochmal in die Gänge gestürzt und wenigstens ein paar Stände gefunden, die für mich halbwegs interessant sein könnten. Wie kann man etwa die Lücke zwischen Präsenz-Training (wie ich es bevorzuge) und Remote (in welcher Form auch immer - Apps, webbasierte Lösungen, Video) überbrücken? Insgesamt vier Anbieter habe ich dazu gefunden. Drei davon hatten sich auf Teilaspekte fokussiert - manchmal auch nur einen sehr kleinen Teilaspekt.

Zum Beispiel die App, die an das Gelernte erinnern soll. Typisches Szenario in Firmen: Der Trainer kommt, hält sein Seminar, verschwindet wieder und eine Woche später ist bei den Teilnehmern alles vergessen und der Alltags-Trott hat wieder übernommen. Eine App kann hier an Dinge erinnern, die im Seminar behandelt wurden, selbst wenn es so etwas scheinbar triviales ist wie "Haben Sie heute schon einen Mitarbeiter gelobt?" (das war das Beispiel, das der Mensch am Stand in der Beispiel-App hatte).

In 3 von 4 Fällen fand ich mich dann aber auch schnell in Diskussionen um fehlende Features. Mit einfachen Multiple-Choice-Abfragen ist es bei meinem Thema eher nicht getan. Geht auch Freitext? Kann der Anwender Bilder hochladen? Powerpoint? Da kam so mancher schnell ins Schwitzen.

Außer bei Anbieter Nr. 4. Die konnten alles was ich wollte, noch bevor ich überhaupt danach gefragt hatte, hatten auch vernünftige Ansichten zur finanziellen Seite (explizit auch mit Blick auf "kleine" Coaches) und hatten das alles in ein Gesamtkonzept eingebettet. Das muss ich mir mal in Ruhe ansehen, aber wenn das System das alles halbwegs so tut wie beschrieben könnte es für mich interessant sein.

Darüber hinaus habe ich mir noch ein paar andere Dinge angesehen. An einem Stand wurde eine Text-to-Speech-Lösung beworben, die Texte von Webseiten oder aus Dokumenten vorlesen kann. Angeblich ist diese Lösung "besser" als die in vielen Betriebssystemen ja bereits integrierten Vorlesemöglichkeiten. Zudem kann man die Texte als MP3 herunterladen und gewissermaßen als Podcast hören, wenn man Zeit dafür hat. Interessantes Geschäftsmodell, aber ob dafür wirklich jemand Geld bezahlen will?

Eine Lösung zur Produktion von interaktiven Textbüchern und Schulungsunterlagen habe ich mir noch vorführen lassen. Auch sehr durchdacht - man kann sie online verfügbar machen, inkl. Ablaufdatum. Leider kein Standard-Format und sehr Windows-lastig (das Autorensystem selbst sowie der Player, um die E-Books offline lesen zu können). Der Verweis auf Parallels für Mac-User hilft mir da nicht wirklich weiter (der Mensch am Stand war immer noch der Meinung, "für die paar Mac-User" würde sich der Aufwand nicht lohnen - ich denke, da liegt er ziemlich falsch).

Insgesamt, wie beim Thema E-Learning nicht anders zu erwarten, wimmelte es von technischen Lösungen und Features, vor allem auch Management-Lösungen für Unternehmen. Einerseits wurde ständig das individuelle Lernen betont, und dass man es einfacher machen wolle, dass die Mitarbeiter morgens noch fünf Minuten in der U-Bahn lernen können - aber an den Menschen hat man dabei m.E. zu selten gedacht. Hat eigentlich schon mal jemand die Mitarbeiter gefragt, ob sie ständig und überall lernen wollen? Ich glaube nämlich nicht daran (in der Theorie ja, in der Praxis - not so much).

Das Vortragsprogramm auf der Messe selbst (ich hatte noch zwei weitere, auch eher uninspirierte, Vorträge mitgenommen) war eher mau: Nicht viel Tiefgang, werbelastig und oft schlicht langweilig. Parallel zur Messe gab es auch noch ein Konferenzprogramm, das wohl besser war, aber extra kostete (und eben auch die üblichen Preise). Die Messe selbst lohnt sich eigentlich nur, wenn man ein konkretes Anliegen hat.

(Illustration: LearnTEC)

         

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Andere haben folgendes über 'Buzzword-Overload: LearnTEC 2016' geschrieben:

Cat Power in Karlsruhe - Dirks Hirnableiter
[...] Power in Karlsruhe Sonntag, 17. Juli 2016, 10:00 Uhr In Karlsruhe war ich dieses Jahr ja schon einmal gewesen, zur LearnTEC . Damals, wie auch überhaupt bei allen früheren Besuchen, habe ich aber nicht viel von der Stadt gesehen. Eine [...] [mehr]
Empfangen am Sonntag, 17. Juli 2016, 10:01 Uhr

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