Musik

Review: EMusic.com

Den allseits beliebten Tauschbörsen setzen die Musikkonzerne ihre legalen Angebote zum Musik-Download entgegen. Doch auf den meisten dieser Sites wird Musik in proprietären Formaten angeboten, die spezielle Player brauchen und oft auch die Nutzung der Musikstücke einschränken.

EMusic.com ist da anders. Zum Download werden ganz normale MP3-Files angeboten. Einschränkungen hinsichtlich der Nutzung gibt es nicht (wie auch?). Für 10 bzw. 15 Dollar im Monat wird zudem ein unlimitierter Download angepriesen.

Die ideale Plattform für legale Musik im Web also?

Das Angebot

Wie eigentlich alle legalen Angebote hat auch EMusic mit einem Hauptproblem zu kämpfen: Sie können nicht Musik von allen Künstlern zum Download anbieten, sondern sind an Verträge mit bestimmten Plattenlabels gebunden. Im Falle von EMusic sind das vor allem viele kleine Labels sowie die Konzernmutter Universal. Zusätzlich gibt es auch unter den Werken, die man eigentlich anbieten dürfte noch solche, die (derzeit) aus vertraglichen Gründen außerhalb der USA nicht angeboten werden dürfen. So bleibt z.B. die CD "There's One in Every Crowd" von Eric Clapton für Nicht-US-Bürger derzeit unerreichbar.

Den größten Teil des EMusic-Angebots machen aber ohnehin die weniger bekannten Namen aus. Wer auf topaktuelle Musik aus den Hitparaden hofft, ist hier eindeutig falsch. Das heißt nun aber nicht, dass hier nur unbekannte und "kleine" Künstler zu finden wären. Neben dem schon erwähnten Eric Clapton findet man auch andere bekannte Namen wie Tom Waits, Yes, Santana, Van Morrison, um nur einige zu nennen. Wobei angemerkt werden muss, dass von den bekannteren Namen oft nur einige wenige Werke zum Download zur Verfügung stehen.

Der Schwerpunkt des Angebots liegt allerdings (zumindest derzeit noch) eindeutig bei weniger bekannten Künstlern sowie Indie-Größen wie They Might Be Giants oder The Residents, von denen es bei EMusic z.T. sogar Exklusiv-Tracks gibt.

Suchen und Finden

Beim Stöbern im EMusic-Angebot helfen die Verweise auf ähnliche Musik nach dem Motto "Wenn Dir das hier gefällt, hör Dir doch mal jenes an ...". Zudem protokolliert EMusic die Künstler und Stile, für die man sich interessiert und bietet darauf aufbauend persönliche Empfehlungen ("My Recommendations") an. Zumindest letztere sind allerdings oft doch etwas obskur, zumal man manchmal gleich als "Fan" einer Band eingestuft wird, wenn man diese nur "probegehört" hat. Trotzdem ist diese Art des Stöberns ergiebiger als wenn man nur stur alphabetisch durch den Katalog blättern würde.

Als kleines Beispiel einer Erfolgsgeschichte: Obwohl ich persönlich mit der aktuellen elektronischen Musik wenig anfangen kann, bin ich beim Stöbern auf eine Unterart gestoßen, die mir gefällt. Für Bands wie Delerium, Hydra oder Cypher 7 hätte ich mich unter normalen Umständen (im Plattenladen oder beim Online-Kauf a la Amazon) aber wohl kaum interessiert. Hier dagegen kann man sich von jedem Titel einen 30-Sekunden-Ausschnitt anhören und wenn diese zusagen, mal eben das Album herunterladen. Und wenn es sich dann doch als Niete herausstellen sollte (wie mir z.B. mit der Band Bis widerfahren ist) - egal, es hat ja nichts (extra) gekostet und beim nächsten Mal hat man vielleicht mehr Glück.

Download

A propos Download: Man kann sich jederzeit einzelne Titel herunterladen (einfach durch Anklicken) oder ganze Alben. Für letzteres empfiehlt EMusic seit kurzem ein eigenes Programm bzw. für Mac-User das Programm Pickup. Bevor ich auf Pickup gestoßen bin (schon vor der Empfehlung durch EMusic) habe ich mir unter MacOS X mit einem selbstgeschriebenen Tcl-Skript beholfen. Die Dateien, die ein komplettes Album beschreiben, sind nämlich im XML-Format und recht einfach zu durchschauen.

Preise

Ach ja, der Preis. Nach einer Testphase, in der man innerhalb von 14 Tagen maximal 50 Titel herunterladen (und behalten) darf, muss man sich zwischen zwei Optionen entscheiden: Entweder, man verpflichtet sich für ein Jahr und zahlt dann $10 pro Monat, oder man abonniert den Service nur für ein Vierteljahr, zahlt dann aber $15. Beide Preise erscheinen mir angemessen - vor allem, wenn man sie mit dem Preis einer normalen CD im Laden vergleicht ...

Pro ...

Warum habe ich mich für ein EMusic-Abo entschieden?

  • Die Musikauswahl sagt mir zu
    Das ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt. Dieser Service ist wegen seines Angebots nicht für alle geeignet. Aber man kann sich vorher schon ein komplettes Bild machen, was wirklich geboten wird - die Listen aller Künstler und Alben sind frei zugänglich, inkl. der 30-Sekunden-Clips. Und dann gibt es ja auch noch die 14 Tage/50 Titel-Testphase.
  • Ganz normale MP3-Files
    Unternehmen, die mich von vornherein als potenziellen Raubkopierer betrachten und mir vorschreiben wollen, wann, wo, und wie oft ich meine Musik zu hören habe, sind mir, vorsichtig ausgedrückt, suspekt. Eine bei EMusic heruntergeladene MP3-Datei lässt sich in jedem MP3-Player (ob Hard- oder Software) abspielen, wann, wo, und sooft ich will. Und wenn ich will, kann ich sie auch auf CD brennen.
  • Fairer Preis
    $10 und selbst $15 pro Monat für unlimitierte Downloads sind, wenn man sich für die angebotene Musik begeistern kann, unschlagbar günstig. Auch für Nachschub ist, so meine Erfahrung, sehr wohl gesorgt. Sicher gibt es Monate, in denen ich mir kaum etwas herunterlade - doch dann kommt wieder ein Schub neuer Musik und ich weiß gar nicht, was ich zuerst herunterladen soll.
  • Keine spezielle Software nötig
    Der Download einzelner Titel erfolgt einfach im Browser - ohne spezielles Plugin, einfach per Mausklick. Will man ganze Alben bequem herunterladen, kann man auf die angebotene Software zurückgreifen. Notfalls ist das Dateiformat aber einfach genug, um sich selbst ein Programm oder Skript zu schreiben, das dies erledigt.

... und Contra

Was spricht gegen EMusic? Wie schon erwähnt, ist die zur Verfügung stehende Musik das wichtigste KO-Kriterium. Wer auf Hitparaden-Musik steht, wird hier kaum fündig.

Andere Dinge, die es zu bedenken gilt: EMusic gehört (mittlerweile) zu Vivendi Universal, einem Konzern, der in letzter Zeit vor allem durch seine hohen Schulden und Turbulenzen in der Firmenführung von sich reden gemacht hat. Es wäre durchaus möglich, dass EMusic plötzlich und unerwartet Opfer eines Programms zur Kosteneinsparung wird oder gar, schauder, auf einen Service umgestellt wird, der proprietäre Formate mit DRM-Technik verwendet. Ersteres wäre schade, letzteres würde EMusic wahrscheinlich einen Großteil seiner Abonnenten kosten. Man könnte die Empfehlung eines eigenen Download-Programms aber als ersten Schritt in diese Richtung deuten ...

Auch weniger erfreulich sind die jüngsten Berichte, wonach der unlimitierte Download vielleicht doch nicht so unlimitiert ist. Andererseits muss man hier aber auch ein wenig an den gesunden Menschenverstand appellieren - irgendwer muss sich die zig Gigabyte an Musik ja auch einmal anhören. EMusic muss schließlich auch für jeden heruntergeladenen Titel Tantiemen zahlen - auch für die, die ungehört bei einem "Jäger und Sammler" auf der Platte schlummern. Hier besteht die Gefahr, dass die Flat Rate-Idee, wie zuvor schon in der Telekommunikationsbranche, am "ich habe eine Flat Rate, also nutze ich sie auch aus"-Gedanken zugrunde gehen könnte.

Wer von der Musikauswahl nicht gleich abgeschreckt wird, dem kann ich jedenfalls nur empfehlen, sich EMusic.com einmal genauer anzusehen (bzw. anzuhören). Ich würde den Service jedenfalls auch heute noch wieder neu abonnieren.

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Andere haben folgendes über 'Review: EMusic.com' geschrieben:

Dirks Hirnableiter - Neuer alter Content
Empfangen am Donnerstag, 22. Mai 2008, 20:29 Uhr

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